Schwere Hochwasserlage Juni 2024

Neusäß, den 6. Juni 2024
Rubrik:  News

Am vergangenen Wochenende wurde die Stadt Neusäß sowie weite Teile von Schwaben von einem schweren Hochwasser heimgesucht, dass erhebliche Schäden anrichtete und zahlreiche Haushalte und Betriebe betraf. Wir wollen ihnen hier einen ersten kleinen Überblick über die Entwicklung der Lage sowie der Maßnahmen der Feuerwehren der Stadt Neusäß vermitteln.

 

Meteorologische Nachbetrachtung:

Die außergewöhnliche Hochwasserlage wurde unter anderem durch eine sogenannte Vb-Wetterlage ausgelöst. Was ist eine Vb-Wetterlage: Eine Vb-Wetterlage (sprich: Fünf-B-Wetterlage) beschreibt ein spezielles Wetterphänomen, bei dem Tiefdruckgebiete über dem Mittelmeerraum nach Nordosten ziehen und dabei feuchte Luftmassen mit sich führen. Diese Luftmassen treffen auf kältere Luft in Mitteleuropa, welche diese wie am vergangenen Wochenende mit nördlicher Strömung gegen die Alpen drücken, was zu intensiven, stationären und langanhaltenden (Stau-) Niederschlägen führt. Verstärkend kamen eingelagerte Gewitterschauer wie beispielsweise am Sonntag-Nachmittag hinzu.

 

Quelle: Deutscher Wetterdienst – DWD Climate Data Center (CDC), Aktuelle stündliche RADOLAN-Raster der Niederschlagshöhe

Dabei fielen binnen vier Tagen verbreitet Regenmengen zwischen 100 und 200l/m²., lokal auch deutlich darüber. Die eingebettete Karte zeigt die akkumulierten Niederschlagsmengen vom 30.05 – 03.06.2024 an.  Weitere Infos zu Vb-Wetterlagen: https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelmeertief

 

Auswirkungen der Wetterlage auf die Schmutter im Bereich Neusäß:

Bereits ab Donnerstag zeichnete sich eine mögliche Hochwasserlage durch verschiedene Wettermodelle ab. Die weit verbreiteten starken Niederschläge im Einzugsgebiet der Schmutter ließen den Pegel der Messstelle Fischach ab Freitag (31.05.2024) sprunghaft ansteigen. Dieser stieg im weiteren Verlauf des Freitags bis Samstagmittag auf seinen Höchststand von 301 cm über Pegelnullpunkt. Ab 13:00 Uhr (01.06.2024) sank der Pegel wieder, allerdings in einem ungewöhnlich langsamen Tempo. Dies war auch der Grund für die lang anhaltenden Ausuferungen der Schmutter.

 

Der Dammbruch am Tannetweiher in Burgwalden (01.06.2024), welcher über den Anhauser Bach in die Schmutter entwässert, ist in den Pegelmessungen nicht berücksichtigt. Dieser hatte aber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Auswirkungen auf  die zeitweise starke Dynamik des Hochwassers und die Pegelstände im Bereich Neusäß.

 

Maßnahmen der Feuerwehr u. a.:

Freitag 31.05.2024:

 

  • Inbetriebnahme einer Sandsackfüllstation
  • Füllen von Sandsäcken zur Gefahrenabwehr
  • Warnung der Bevölkerung via Lautsprecherdurchsagen
  • Einrichtung Pegelkontrolldienst
  • Vorbereiten der Logistik für den schnellen Sandsacktransport
  • Sperrung diverser Fuß- und Radwege durch das Schmuttertal
  • Aufstellen eines durchgehenden Personalplanes zur dauerhaften Besetzung der Feuerwache Neusäß
  • diverse Lagebesprechungen
  • Vorbereitung einer durchgehenden Versorgung von Getränken und Speisen im Gerätehaus Neusäß für die Einsatzkräfte der Feuerwehren, des BRKs, des THWs, der Bundeswehr sowie vielen weiteren Einheiten

 

Samstag 01.06.2024:

 

  • Durchgehende Pegelkontrolldienste
  • Weitere Warnungen der Bevölkerung via Lautsprecherdurchsagen sowie Sirenenwarnung (Katastrophenfall)
  • Verteilung von Abwehrmitteln (Sandsäcke)
  • Sperrung von Ortsverbindungsstraßen auf Grund Überflutung und Unterspülung
  • Evakuierung von gefährdeten Bereichen
  • Schützen von besonders wichtiger Infrastruktur für die Allgemeinheit
  • Beseitigung von Verklausungen an diversen Durchlässen
  • diverse Lagebesprechungen
  • diverse Personenrettungen

 

Sonntag 02.06.2024:

 

  • mehrere Personenrettungen mit verschiedenen Wasserrettungszügen und Hubschraubern
  • Brandeinsätze bzw. Rauchentwicklungen auf Grund Kurzschlüssen oder dergleichen in überfluteten Bereichen
  • Sichern von Gegenständen
  • Wiederherstellung und Beurteilung von Infrastruktur (vor allem Erreichbarkeit der westlichen Stadtteile)
  • Erstellen eines Maßnahmenplans nach Rückgang der Pegel und vor allem des Grundwasserspiegels
  • Erste Maßnahmen zur Schadensbeseitigung (Auspumpen von Kellern etc.) nach Möglichkeit (siehe Abschnitt weiter unten)
  • diverse Lagebesprechungen

 

Montag 03.06.2024:

 

  • Verbreitete Maßnahmen zur Schadensbeseitigung (Auspumpen von Kellern etc.) nach Möglichkeit (siehe Abschnitt weiter unten)
  • Kontrolle und teilweise Freigabe diverser Staats- und Kommunalstraßen mit den Baulastträgern
  • Zubringen diverser Container für die Aufnahme von mit Öl kontaminierten Wasser
  • Bereitstellung von Logistik und Material zur Schadensbeseitigung
  • Organisation von Sperrmüllbehältnissen in den Stadtteilen (weitere Orga hier durch die Stadt Neusäß)
  • Beenden des durchgehenden Schichtdienstes (21:00 Uhr)

 

Dienstag 04.06.2024:

 

  • Verbreitete Maßnahmen zur Schadensbeseitigung (Auspumpen von Kellern etc.) nach Möglichkeit (siehe Abschnitt weiter unten)
  • Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft der Feuerwehren
  • Transport diverser Materialien in andere Einsatzgebiete
  • Erste Zusammenfassung und Einsatznachbereitung der zurückliegenden Tage

 

Mittwoch 05.06.2024:

 

  • Teilweise noch Maßnahmen zur Schadensbeseitigung (Auspumpen von Kellern etc.) notwendig
  • Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft der Feuerwehren
  • Überörtliche logistische Hilfe
  • Einsatznachbereitung

 

Warum wird bzw. kann die Feuerwehr nicht sofort nach Rückgang der Pegel tätig werden?

Der völlig verständliche Wunsch nach schnellstmöglichem Auspumpen von eingedrungenem Wasser aus dem Keller kann erhebliche Risiken für das Gebäude bergen. Leider ist keine generelle Entscheidung für den risikolosen Beginn dieser Arbeiten möglich, da jedes Haus bzw. Gebäude individuell nach Baugrund, Bauausführung, Materialverwendung usw. zu betrachten ist. Ferner ist auch die Art des eingedrungenen oder des eindringenden Wassers ein Faktor.

 

Ein Hochwasserereignis wirkt sich auch auf den Stand des Grundwassers aus. Während bei Niedrig- und Mittelwasser das Grundwasser in die Gewässer abfließt, ist der Vorgang bei Hochwasser umgekehrt: Das Wasser der Flüsse drückt in die wasserführenden Bodenschichten und erhöht dadurch den Grundwasserstand – auch in den geschützten Bereichen! Das Grundwasser kann dort stellenweise immer noch Keller fluten, jedoch nicht über Geländehöhe ansteigen. Der Grundwasserstand wird neben dem Hochwasser auch von den auftretenden Niederschlägen und deren Versickerung beeinflusst. Zusätzlich spielen die Entfernung zu den Gewässern, die Mächtigkeit und Zusammensetzung der grundwasserführenden Schicht und vorhandene Entwässerungen eine Rolle.

 

Sind Kellerräume in Bereichen mit massiv angestiegenem Grundwasserstand überflutet worden, muss mit dem Auspumpen dieser Räume gewartet werden, obwohl das sicher schwerfällt. Erst wenn der Stand des Grundwassers niedriger ist als die Bodenplatte bzw. der statische Bemessungsfall (hier kommt es auf die technische Kellerausführung an) des Hauses erreicht ist, darf das Wasser entfernt werden. Andernfalls kann ein hydraulischer Grundbruch entstehen. Dadurch können der Kellerboden aber auch die Kellerwände sowie andere Strukturen des Gebäudes irreparabel geschädigt werden.

 

Zahlen und Fakten:

  • ca. 150 Einsatzstellen im gesamten Stadtgebiet
  • ca. 250 eingesetzte Feuerwehr-Einsatzkräfte aller Neusäßer Feuerwehren
  • ca. 3500 ausgegebene Verpflegungsportionen an verschiedenste Hilfsorganisation (Feuerwehr, THW, Bundeswehr, Wasserwacht, BRK uvm.) seit Freitagabend
  • 4 Wasserrettungseinsätze (hiervon konnte eine Person in buchstäblich letzter Sekunde durch die Feuerwehr gerettet werden)
  • Füllen von schätzungsweise 24000 Sandsäcken und deren Transport
  • 250 Tonnen Sand wurde in Sandsäcke verfüllt
  • 4 Tage dauerhafter Schichtdienst im 12-Stundenrhytmus der Mannschaft der FF Neusäß
  • ca. 2100 zurückgelegte Kilometer der Fahrzeuge der FF Neusäß während der Einsatzlage

 

Dank und Ausblick:

Wir möchten uns bei den Einsatzkräften der Feuerwehren der Stadt Neusäß, den umliegenden und externen Feuerwehren, dem THW, dem BRK, der Wasserwacht, der Polizei und Allen, die uns in den letzten Tagen in irgendeiner Form unterstützt haben, für die gute und tolle Zusammenarbeit, bedanken. Ebenfalls gebührt ein großes Dankeschön den zahlreichen Firmen, welche uns sofort und unkompliziert in vielen Bereichen unterstützt haben. Großer Dank gilt unserem Verpflegungsteam, die auch unter widrigsten Bedingungen, über 5 Tage hinweg, durchgehend die Einsatzkräfte versorgte. Nicht zu vergessen sind unsere Familien – in den vergangenen Tagen war an ein geregeltes Familien- oder Beziehungsleben nicht zu denken.

 

Wir werden unsere internen Abläufe und Maßnahmenpläne analysieren, um zukünftig ggf. weitere Verbesserungen in unsere Einsatzvorbereitung fließen zu lassen. Infrastrukturelle und materielle Maßnahmen zur Hochwassergefahrenabwehr sind nicht Aufgabe der Feuerwehr – hierfür ist die Kommune zuständig.

 

Resümee:

Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass die Dynamik und die Geschwindigkeit, mit dem der Pegel der Schmutter gestiegen ist, in dieser Form so noch nie beobachtet werden konnte. Hier mussten schnelle Entscheidungen für die Sicherheit der Allgemeinheit getroffen werden. Diese sind zumeist mit nicht sehr angenehmen Begleiterscheinungen wie Sperrungen und/oder Evakuierungen verbunden. Dies wurde von einem großen Teil der Betroffenen respektiert. Große Probleme stellte eine kleine Gruppe sehr interessierter Bürger dar, welche die Naturgewalten aus nächster Nähe begutachten wollten – diese brachten sich teilweise selbst erheblich in Gefahr, was ein Eingreifen der Hilfsorganisationen von Nöten machte oder einfach nur die Arbeit der Einsatzkräfte behinderte. Hier appellieren wir an den gesunden Menschenverstand und weisen darauf hin, dass Absperrungen, egal ob für KFZ, Zweirad oder Fußgänger, ernst genommen werden sollten. Dies hätte unsere Arbeit sehr erleichtert. Glücklicherweise gab es im Bereich der Stadt Neusäß keine Personenschäden

Wir hoffen, Ihnen mit dieser Zusammenfassung ein wenig Einblick hinter die Kulissen gegeben zu haben, um Hintergründe und Entscheidungen besser verstehen zu können. Sollte Sie weitere Fragen habe, beantworten wir diese gerne. Den Betroffenen dürfen wir alles Gute und viel Kraft wünschen.

 

Bitte beachten Sie auch den Live-Ticker des Landratsamtes Augsburg u. a. in Bezug auf Öl: https://www.landkreis-augsburg.de/news/detail/detail/News/liveticker-zur-hochwasserlage-im-landkreis-augsburg/

 

 

Ihre Feuerwehren der Stadt Neusäß

 

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